Informationen für Behandler

Aus der heutigen Hirnforschung, aber auch aus bewährten therapeutischen Verfahren wie der Gruppenanalyse und der systemischen Therapie wissen wir, dass der Mensch in zwischenmenschlichen Beziehungen und in Gruppen-Zugehörigkeiten lebt und fühlt und dass wir für unser Identitätsgefühl die Spiegelung durch andere uns vertraute Menschen benötigen. Jeder von uns hat in seinem Leben typische Reaktions-und Verhaltensmuster ("Schemata") entwickelt, Überlebensstrategien, die es uns ermöglicht haben, schwierige Beziehungserfahrungen zu bewältigen. Das Erleben einer emotionalen Beziehung ist wesentlich für die Verankerung von neuen Erfahrungen und Inhalten  in unseren neuronalen Netzwerken.

Unter Angst und Zwang können keine Erfahrungsinhalte positiv in unseren neuronalen Strukturen verankert werden, sodass wir Strategien entwickeln, um das Wiedererleben dieser negativen Erfahrungen zu vermeiden und um uns vor neuen Verletzungen zu schützen. Diese Strategien und Kompensationsmechanismen (Einstellungen, Muster, Schemata) schaffen uns im späteren Leben oft zwischenmenschliche Probleme und verhindern unsere Weiterentwicklung, vor allem dass wir uns hilfreiche Unterstützung von anderen Menschen holen können (mangelndes Vertrauen), dass wir uns behaupten und Konflikte bewältigen können (Rückzug) und dass wir unser kreatives und Leben-gestaltendes Potential nutzen können (Abwehr, Vermeidung, Selbstentwertung).

Deshalb kommt es in der Psychotherapie darauf an, dass wir Zugang bekommen zu unseren emotionalen Grundbedürfnissen  (nach Bindung und emotionaler sowie körperlicher Nähe, nach Kontrolle bzw. Selbstbestimmung, nach Selbstwert, nach Lebensfreude und Lust sowie nach Gemeinschaft und Spiritualität). In der praktischen Anwendung der heutigen Erkenntnisse aus Hirnforschung, Gruppenanalyse und systemischer Therapie kommen deshalb in unseren beiden Kliniken die differenzierte Anwendung von Gruppentherapie, gruppendynamisches Kommunikationstraining in der Großgruppe, Störungsspezifische Therapien (z. B. für Persönlichkeitsstörungen, Traumafolgestörungen, Suchterkrankungen und Essstörungen), Informations- und Motivationsveranstaltungen, Körpertherapie und meditative Techniken (Achtsamkeitstechniken, Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR), Yoga, Progressive Muskelrelaxation), und bei entsprechender Indikation (nach K. Stauss) Bonding-Psychotherapie zur Anwendung.

Das Erleben der eigenen Verantwortlichkeit, neuer Bewältigungsmöglichkeiten und der persönlichen Weiterentwicklung innerhalb der hilfreichen und tragenden Therapeutischen Gemeinschaft, führt nach einer ausreichend langen Einwirkungsdauer zur Verankerung von neuen Beziehungs- und Bewältigungserfahrungen und zur Ausbildung von neuen alternativen, geeigneteren Einstellungen, Selbstbildern und interpersonellen Mustern (Schemata).

In den ersten 3 Tagen nach der Anreise erfolgt in beiden Kliniken eine intensive Diagnostik und Einführung in unser Konzept. Dies beinhaltet eine ausführliche Anamneseerhebung unter tiefenpsychologischen Gesichtspunkten, auf der Grundlage des OPD-Interviews, umfangreiche Testpsychologie und die ersten Eindrücke und Reaktionsweisen innerhalb der Therapeutischen Gemeinschaft (vgl. Yalom: Der "soziale Mikrokosmos").

Es wird ein Behandlungsziel (Fokus) definiert und je nach Störung, Fokus und Zielsetzung das Behandlungsprogramm  inklusive der störungsspezifischen Angebote festgelegt. Jeder Patient  ist während der gesamten Therapiedauer  einem Bezugstherapeuten und einer festen Bezugsgruppe zugeordnet (i.d.R. 10 Teilnehmer), um einen konstanten Therapieprozess zu ermöglichen. Die Bezugstherapeuten stehen auch gerne telefonisch als Ansprechpartner für die einweisenden Ärzte und Therapeuten zur Verfügung.

In den letzten 2 Wochen der Behandlung erfolgt eine intensive Nachsorgeplanung mit sozialpädagogischer Schulung, Bestandsaufnahme und Reflexion des hier Erreichten und Empfehlung bzw. Suche nach der ambulanten Fortsetzung der begonnenen Veränderungsprozesse (bei Hausarzt, Facharzt / Psychiater, Psychotherapeut, Selbsthilfemeetings, Beratungsstellen u. a.) sowie neben der Entlass-Vorbereitung auch der Abschiedsprozess aus der Therapeutischen Gemeinschaft.